Ein Tagebuch für Kinder – 5 gute Gründe fürs Journaling

Maria Röckmann | 08-06-2021 | 9 Minuten Lesezeit

Hast du dich schon mal gefragt, warum sich dein Kind tagelang über den verschossenen Elfmeter ärgert, aber das spektakuläre Tor von neulich schnell als Glückstreffer abhakt? Warum die vergeigte Deutscharbeit viel stärker im Gedächtnis haften bleibt als der Einser in Mathe?

Schuld daran ist die Evolution. Sie hat unser Gehirn darauf gepolt, negative Erfahrungen viel stärker wahrzunehmen als positive. Denn vor Hunderttausenden von Jahren lauerten überall Gefahren. Zum Beispiel die Giftschlange, die es sich vor dem Höhleneingang bequem gemacht hatte. Der hungrige Wolf, der uns beim Holzsammeln überraschte. Oder auch die Gemeinschaft, die uns vielleicht nicht mehr mochte und zurückließ, weil wir einen Fehler gemacht haben. Für unsere Vorfahren galt: Lieber hundertmal Fehlalarm schlagen und sich unnötig Sorgen machen, als beim 101. Mal von einem Raubtier gefressen zu werden. Sich an den schönen Blumen am Wegesrand oder an einem malerischen Sonnenuntergang zu erfreuen, brachte unseren Vorfahren dagegen keinen evolutionären Vorteil. [1] [1] Positive Erfahrungen: Rick Hanson PhD/Blog: Take in the Good Schließlich heißt es auch Survival of the fittest" und nicht Survival of the happiest".

Es gibt Menschen, die Fische fangen, und solche, die nur das Wasser trüben. – Chinesisches Sprichwort

Auch im Zeitalter von smartphone-gesteuerten Plastik-Dinos und Gemeinschaftsunterricht ist unser Gehirn immer noch auf dieses steinzeitliche Überlebensmuster gepolt. Dieser Fokus auf das Negative ist ungesund für unsere Beziehungen und kann uns auf Dauer unglücklich machen, wenn wir nicht aktiv gegensteuern. Aber daran lässt sich leicht etwas ändern. Unser 6-Minuten Tagebuch für Kinder ist ein Tool, mit dem dein Sprössling bewusst eine positive Lebenseinstellung trainieren kann. Das bedeutet nicht, Probleme zu ignorieren, sondern sie optimistisch und lösungsorientiert anzugehen. Durch Journaling, also Tagebuchschreiben, können Kinder Dankbarkeit üben und lernen, auch mit Misserfolgen besser umzugehen. Die folgenden fünf Gründe erklären, wie ein Tagebuch Kindern hilft:

1. Dankbarkeit lernen

Einer der effektivsten Wege überhaupt, um den in der Einleitung beschriebenen evolutionären Miesepeter in unserem Kopf zu überlisten, ist täglich Dankbarkeit auszudrücken. Das 6-Minuten Tagebuch für Kinder ist dafür perfekt geeignet.

Für welche Dinge ist dein Kind dankbar? Sich regelmäßig vor Augen zu halten, was in unserem Leben alles positiv ist, macht glücklich und gesund: Das konnten zahlreiche Studien zeigen. [2] [2] Dankbarkeit als Medizin: Robert Emmons/UC Davis Health Medical Center (2015): Gratitude is Good Medicine Kinder, die sich in Dankbarkeit üben, sind zufriedener in der Schule und fühlen sich besser integriert. Sie gehen optimistischer durchs Leben und setzen sich eher für andere ein. [3] [3] Dankbarkeit wissenschaftlich betrachtet: Summer Allen/John Tempelton Foundation UC Berkeley (2018): The Science of Gratitude

Dankbarkeit lässt sich sehr gut mit dem 6-Minuten Tagebuch für Kinder trainieren, in dem dein Kind regelmäßig ein paar Stichworte aufschreibt. Du kannst aber auch eine kurze Anleitung geben, zum Beispiel:

  • Was war das Beste, das du heute erlebt hast?: „Die Piratenschatzsuche auf meiner Geburtstagsparty. Schokokuchen, Gummibärchen und Erdbeereis.“
  • Wer hat heute etwas Nettes für dich getan?: „Meinen Opa, der mit mir Modellflugzeuge aus alten Plastikflaschen baut.“

Dein Kind lernt, positive Dinge im Alltag ganz bewusst wahrzunehmen. So wird Dankbarkeit irgendwann zu einem ganz automatischen Prozess, der deinem Kind auch im späteren Erwachsenenleben viele Vorteile bereiten wird. Die exakte Wortwahl ist dabei übrigens gar nicht so bedeutend. Der renommierte Neuropsychologe Dr. Rick Hanson fand heraus, dass positive Erfahrungen für etwa zehn Sekunden im Bewusstsein gehalten werden müssen, um den Übergang vom Kurzzeit- ins Langzeitgedächtnis zu schaffen. [4] [4] Wie positive Erfahrungen es ins Langzeitgedächtnis schaffen: Hanson, Rick (2016): Hardwiring Happiness Damit sich der Kopf eines Kindes also auf Dauer mit guten Gedanken füllen kann, ist es wichtiger, sich Zeit zu nehmen und das gute Gefühl zu genießen, das während des Erlebnisses gefühlt wurde.

2. Wachstumsdenken trainieren

Der Patzer beim Auftritt mit der Tanzgruppe. Der misslungene Versuch, die eigenen Haare im Hollywood-Style zu frisieren. Der Zaubertrick, der einfach NIE klappen will. Wie reagiert dein Sohn oder deine Tochter auf Misserfolge? Schmeißt dein Kind sofort alles in die Ecke? Oder denkt es sich: „Jetzt erst recht“ und setzt alles daran, eine Sache zu üben?

Die US-amerikanische Psychologin Carol Dweck unterscheidet zwischen zwei verschiedenen Denkweisen: Ein starres Selbstbild („fixed mindset“)  bezeichnet den Glauben, dass Intelligenz und Talente unveränderbar sind. Entweder ist man ein Mathegenie oder ein geborener Basketballstar – oder eben nicht. Kinder mit so einer Einstellung arbeiten nicht nur weniger an Schwächen, sondern schöpfen auch ihre Talente nicht voll aus. Aus Angst vor einem Fehler oder einer Blamage vermeiden sie Herausforderungen. [5] [5] Wie unser Selbstbild funktioniert: Mindset Works Mediaroom: What can you do to Promote a Growth Mindset in Students

Wachstumsdenken („growth mindset“) bezeichnet den Glauben, dass wir unsere Intelligenz und Talente durch Üben verbessern können. Menschen mit so einer Einstellung legen sich viel mehr ins Zeug und sind auf Dauer erfolgreicher. [6] [6] Unser Selbstbild ist entscheidend: Mindset Works Mediaroom: Why do Mindset matters?

Zum Glück lässt sich Wachstumsdenken lernen und Tagebuchschreiben kann dabei helfen. Dein Kind kann gezielt üben, sich mit Misserfolgen konstruktiv auseinanderzusetzen. Du kannst ihm eine kurze Anleitung geben, zum Beispiel:

  • Denke an einen Fehler, den du gemacht hast. Was ist passiert? Und was hast du daraus gelernt?
  • Womit kommst du gerade nicht weiter? Was kannst du versuchen zu ändern? Oder wen kannst du um Hilfe bitten? 

Das 6-Minuten Tagebuch für Kinder ist so konzipiert, dass dein Kind mit der Zeit automatisch ein Wachstumsdenken entwickelt. Auf diese Weise lernt dein Kind, nicht mehr an Misserfolgen zu verzweifeln, sondern sie als Chancen zu begreifen, etwas Neues zu lernen.

Es ist ein großer Vorteil im Leben, die Fehler, aus denen man lernen kann, möglichst früh zu begehen. – Winston Churchhill

3. Schreiben von Hand ist gut fürs Gehirn

Im Wartezimmer vom Zahnarzt ein Puzzle auf Mamas Smartphone machen und danach ein Selfie an die beste Freundin verschicken. Vor dem Abendessen ein wenig mit der Spielkonsole zocken oder auf Papas Tablet eine virtuelle Pizza backen. Bildschirmzeit gehört für die meisten Kinder längst zum Alltag dazu. Allerdings kann zu viel davon dein Kind in seiner Entwicklung beeinträchtigen: Die Denk- und Lernfähigkeit sowie das Kurzzeitgedächtnis leiden. [7] [7] Zu viel Zeit am Handy führt bei Kindern zu Lernschwierigkeiten: Tagesspiegel (2018): Nicht so smart wegen Smartphone Und auch sonst kann zu viel Zeit am Bildschirm in so jungen Jahren zu einer Bandbreite von Entwicklungsstörungen führen. [8] [8] Schlechtere Konzentration durch zu viel Bildschirmzeit: Reichel, Chloe/ Journalist’s Resource (2019): The health effects of screen time on children: A research roundup

Tagebuchschreiben hat den gegenteiligen Effekt. Das Schreiben von Hand, so konnten Studien nachweisen, stärkt die Kreativität und die Merkfähigkeit. So verglichen Wissenschaftler:innen zwei Gruppen von Studierenden, die bei einer Vorlesung mitschrieben, entweder von Hand oder mit dem Computer. Wer seine Notizen tippte, konnte sich zwar einzelne Begriffe besser merken. Aber wer Bleistift und Papier benutzte, konnte inhaltliche Zusammenhänge besser wiedergeben. [9] [9] Handschrift vs. Computer: Estibaliz Aragon-Mendizabal, Candida Delgado-Casas, Jose-L. Navarro-Guzman, Inmaculada Menacho-Jimenez, Manuel-F. Romero Oliva/Studie (2016): A comparative study of handwriting and computer-typing in note-taking by university students

Schreiben von Hand aktiviert im Gegensatz zum Tippen gleich mehrere Areale im Gehirn [10] [10] Vorteile des Schreibens mit der Hand: Welt (2018): Welttag der Handschrift: Schreiben mit der Hand ist wichtig fürs Gehirn und hilft Kindern u. a. auch dabei, ihre Lesefähigkeit zu verbessern. [11] [11] Warum handschriftliches Schreiben weiter gelehrt werden sollte: Karin James, Virginia Berninger/Learning Difficulties Australia (2019): Brain reserch shows why handwriting should be taught in the computer age

4. Raum für Kreativität und Ideen

Aus einer Wäscheklammer wird ein Hai mit spitzen Zähnen. Aus einer leeren Küchenrolle ein Teleskop. Und Mamas neuer Seidenschal lässt sich prima als Superheldencape zweckentfremden. Wer schon mal Kinder beim Spiel beobachtet hat, weiß, dass sie von Natur aus kreativ sind.

Das ist sogar wissenschaftlich erwiesen. Studien konnten zeigen, dass 98 Prozent aller fünfjährigen Kinder hochkreativ sind. Im Vergleich dazu: Unter uns Erwachsenen zählen nur zwei Prozent zu den kreativen Genies. Grund dafür ist unsere in der Schule gelernte Angewohnheit, Ideen sofort zu bewerten und kritisch zu betrachten. Diese hindert unser Gehirn daran, kreativ zu arbeiten. Zum Glück können wir Kreativität wie einen Muskel trainieren, und durch gezieltes Üben kannst du deinem Kind dabei helfen, innovatives Denken gar nicht erst zu verlernen. [12] [12] Die Bedeutung von Kreativität: George Land/TED-Talk (2011): The Failure of Success

Mit dem 6-Minuten Tagebuch für Kinder schaffst du einen Raum für Ideen, die niemand mit dem Rotstift ankreidet. Dein Kind kann sich verrückte Dinge ausdenken, kleine Geschichten schreiben oder einen Bauplan für ein Raumschiff entwerfen – ohne dass irgendjemand diese bewertet.

Fantasie ist wichtiger als Wissen, denn Wissen ist begrenzt. – Albert Einstein

5.  Zeitreise in die eigene Kindheit

Erinnerst du dich noch an den Sommer, als du mit deinen Eltern in einem kleinen Dorf in der Toskana Urlaub gemacht hast? An deinen allerersten Versuch, mit Rollerblades zu fahren? Oder an die Zirkusaufführung, die du wochenlang mit deinen Freunden geübt und dann voller Stolz im Vorgarten deiner Eltern aufgeführt hast? [13] [13] Die junge Generation bevorzugt Erlebnisse: Harris Group/Studie (2014): Millenials fueling the Experience Economy Schöne Erinnerungen sind mit das Wichtigste, das wir unseren Kindern schenken können und sie machen auf lange Sicht glücklicher als materielle Geschenke. Während niemand alte Handys oder Tablets aufbewahrt, schenkst du deinem Kind ein analoges Erinnerungsstück, das es selbst geschaffen hat. Es ist ein einzigartiges Zeugnis seiner damaligen Wünsche, Gedanken und Erlebnisse. Stell dir vor, du hättest so ein Tagebuch als Kind ausgefüllt. Was würdest du wohl dafür geben, dieses Andenken jetzt in der Hand halten zu können? Du bist gerade auf dem Weg, deinem Kind eine Schatzkiste an Erinnerungen zu schenken. Wie der römische Dichter Martial schon vor knapp 2.000 Jahren sagte: „Doppelt lebt, wer auch Vergangenes genießt.”

Fazit: Tagebücher für alle

Hattest du auch einmal ein Tagebuch? Vielleicht eins mit einem Pferdekopf vorne drauf und mit einem kleinen vergoldeten Schloss? Oder ein abgegriffenes und zerfleddertes Exemplar, das du ganz hinten im Kleiderschrank versteckt hast? Journaling ist nicht nur etwas für Kinder, sondern hat für Menschen jeden Alters sehr viele positive Effekte. Das 6-Minuten Tagebuch für Kinder vereint bereits all diese Wirkungsweisen auf einzigartige Weise. Frag dein Kind, ob es Lust hat, gleichzeitig mit dir eine der wirkungsvollsten positiven Gewohnheiten anzufangen und greift gemeinsam zum Stift.

Ich reise niemals ohne mein Tagebuch. Man sollte immer etwas Aufregendes zu lesen bei sich haben. – Oscar Wilde

Dieser Beitrag stammt von Maria Röckmann. Beim Journalismus-Studium in Down Under hielt sie eines Tages einem Mann ein Mikro vor die Nase, verliebte sich in ihn und blieb dort. Wenn sie nicht gerade mit ihren Kindern die Spielplätze in Brisbane abklappert, schreibt sie für UrBestSelf oder an ihrem ersten Roman.

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Quellen:

[1] Positive Erfahrungen: Rick Hanson PhD/Blog: Take in the Good

[2] Dankbarkeit als Medizin: Robert Emmons/UC Davis Health Medical Center (2015): Gratitude is Good Medicine

[3] Dankbarkeit wissenschaftlich betrachtet: Summer Allen/John Tempelton Foundation UC Berkeley (2018): The Science of Gratitude

[4] Wie positive Erfahrungen es ins Langzeitgedächtnis schaffen: Hanson, Rick (2016): Hardwiring Happiness

[5] Wie unser Selbstbild funktioniert: Mindset Works Mediaroom: What can you do to Promote a Growth Mindset in Students

[6] Unser Selbstbild ist entscheidend: Mindset Works Mediaroom: Why do Mindset matters?

[7] Zu viel Zeit am Handy führt bei Kindern zu Lernschwierigkeiten: Tagesspiegel (2018): Nicht so smart wegen Smartphone

[8] Schlechtere Konzentration durch zu viel Bildschirmzeit: Reichel, Chloe/ Journalist’s Resource (2019): The health effects of screen time on children: A research roundup

[9] Handschrift vs. Computer: Estibaliz Aragon-Mendizabal, Candida Delgado-Casas, Jose-L. Navarro-Guzman, Inmaculada Menacho-Jimenez, Manuel-F. Romero Oliva/Studie (2016): A comparative study of handwriting and computer-typing in note-taking by university students

[10] Vorteile des Schreibens mit der Hand: Welt (2018): Welttag der Handschrift: Schreiben mit der Hand ist wichtig fürs Gehirn

[11] Warum handschriftliches Schreiben weiter gelehrt werden sollte: Karin James, Virginia Berninger/Learning Difficulties Australia (2019): Brain reserch shows why handwriting should be taught in the computer age

[12] Die Bedeutung von Kreativität: George Land/TED-Talk (2011): The Failure of Success

[13] Die junge Generation bevorzugt Erlebnisse: Harris Group/Studie (2014): Millenials fueling the Experience Economy

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