Wofür wir dankbar sein können – die 8 besten Dinge

Maria Röckmann | 19-05-2020 | 7 min Lesezeit

Im Frühjahr 2020 wurde unser Leben ziemlich auf den Kopf gestellt. Sicher fehlt dir gerade der persönliche Kontakt zu Familie und Freunden. Vielleicht hast du deine Einnahmequellen verloren oder hast große Angst, krank zu werden. Dich in diesen verrückten Zeiten in Dankbarkeit zu üben, erscheint dir vielleicht auf den ersten Blick unmöglich.

Dankbarkeit wird häufig missverstanden. Es bedeutet nicht, so zu tun, als gebe es keine Probleme auf dieser Welt. Stattdessen können wir einen Schritt zurücktreten und einmal das Gesamtbild betrachten. Was sind die Dinge, die wir für selbstverständlich hinnehmen, obwohl einige von ihnen große Errungenschaften sind, die unser Leben so viel leichter machen? Ein Perspektivenwechsel kann dir helfen, schwierige Zeiten besser durchzustehen.

Evolutionsbedingt neigen wir Menschen dazu, uns stärker auf negative Ereignisse zu konzentrieren als auf positive. Vor Millionen von Jahren war es überlebenswichtig, nach Gefahren Ausschau  zu halten. Sich auch an die schönen Dinge zu erinnern und dankbar zu sein brachte unseren Vorfahren keinerlei evolutionäre Vorteile. [1] [1] Negativität bleibt stärker in Erinnerung: Blog, Phil Hanson Ph. D.: Take in the Good   Aber in deinem Leben kann diese Fähigkeit einen riesigen Unterschied machen.

Nicht die Glücklichen sind dankbar. Es sind die Dankbaren, die glücklich sind. Francis Bacon

Dankbarkeit motiviert dich, an deinen Zielen zu arbeiten und dich auch für andere Menschen einzusetzen. Sie stärkt dein Immunsystem und hilft gegen Stress. [2] [2] Dankbarkeit hat viele positive Wirkungen: Robert Emmons/Greater Good Magazine (2013): Five Myths about Gratitude Hier sind acht Beispiele für Dinge und Gegebenheiten, die keineswegs selbstverständlich sind und für die du täglich Dankbarkeit empfinden könntest:

1. Meinungs- und Informationsfreiheit

Würdest du in Nordkorea leben, hättest du wahrscheinlich keinen Zugang zum Internet oder zu seriösen Medien. Du hättest nicht mal die Möglichkeit, deine ehrliche Meinung zu äußern.

Vergleiche das einmal mit deiner eigenen Situation. Du kannst dir kontroverse Dokumentarfilme ansehen und sozialkritische Bücher lesen. Du hast das Recht, Dinge zu beanstanden, die dir nicht passen und Meinungen zu veröffentlichen, die der Regierung widersprechen. Du kannst dich einer Demo anschließen und gegen die Regierung protestieren. Anderswo auf der Welt könntest du für dieses Verhalten verhaftet werden – oder noch Schlimmeres.

2. Vier Jahreszeiten

Über „schlechtes Wetter“ und „Dauerregen“ zu meckern, gehört in Deutschland zum Nationalsport. Aber wäre es wirklich so toll, wenn es das ganze Jahr über nur heiß wäre? Wenn Weihnachtsmärkte im Hochsommer stattfinden würden? Jede Jahreszeit bringt Veränderungen, die unseren Alltag schöner machen. Im Frühling sind das vielleicht ausgedehnte Spaziergänge in der Natur, im Sommer Nachmittage am Baggersee und im Herbst das Aushöhlen von Kürbissen. Und wann schmecken Bratäpfel mit Vanillesoße besser als an einem kalten Winternachmittag?

3. Das Gesundheitssystem

Stell dir einmal vor, wie es war, im Mittelalter zu leben: krank zu werden, ohne Zugang zu modernen Medikamenten, Kliniken und Ärzt*innen. Blutvergiftungen und viele andere Krankheiten, die man heute ganz einfach heilen kann, waren damals häufig ein Todesurteil. Jede Geburt war ein großes Risiko für Mutter und Kind. Es gab weder moderne Narkoseverfahren noch Röntgenaufnahmen oder Impfungen. 

Wenn zu solchen Zeiten eine Pandemie ausbrach, bedeutete das für einen großen Teil der Bevölkerung den Tod. Heute haben wir in Deutschland das weltweit zweitbeste öffentliche Gesundheitssystem. [3] [3] Deutschland unter den OECD-Staaten nach Japan auf dem zweiten Platz: BDAE Auslandskrankenversicherung (2019): Das sind die besten Gesundheitssysteme der Welt Dies hat mit dazu beigetragen, dass es  Deutschland wesentlich weniger Todesfälle durch COVID-19 gab als in vielen anderen Ländern. [4] [4] 100 Tage nach dem Ausbruch von Corona in Deutschland: Deutsche Welle (2020): Wie Corona Deutschland verändert hat

4. Frieden und Sicherheit

Die meisten von uns können sich nicht einmal annähernd vorstellen, wie es wäre, in einem Kriegsgebiet zu leben. Wir Westeuropäer*innen haben das große Glück, Kriege nur aus den Nachrichten oder aus alten Dokumentarfilmen zu kennen. Viele andere Menschen auf der Welt sind Opfer von Zerstörung und Waffengewalt. Im Jahr 2019 gab es weltweit 27 Kriege und bewaffnete Konflikte [5] [5] Länder, in denen 2019 Kriege oder bewaffnete Konflikte herrschten: Berghof Foundation (2019): Kriege weltweit und derzeit sind über 70 Millionen Menschen auf der Flucht. [6] [6] Woher kommen die meisten Kriegsflüchtlinge: UNO-Flüchtlingshilfe (2020): Kriegsflüchtlinge weltweit

Auch Europa wurde in der Vergangenheit immer wieder von Kriegen verwüstet. Heute leben wir zumindest in Westeuropa seit 75 Jahren in Frieden. Das gab es seit den Zeiten der alten Römer nicht mehr. [7] [7] Friedenszeiten in Europa: Wikipedia (2020): Pax Europea

 Der ungerechteste Frieden ist immer noch besser als der gerechteste Krieg. Cicero

5. Zugang zu sauberem Trinkwasser

Schon als Kinder haben wir uns daran gewöhnt, dass Wasser einfach aus dem Hahn kommt, wenn man ihn aufdreht. Wir ärgern uns schon darüber, wenn mal eine Stunde lang das Wasser abgestellt wird. Anderswo auf der Welt müssen Menschen jeden Tag kilometerweit laufen, um Wasser zu sammeln.

Weltweit haben 2,2 Milliarden Menschen keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. [8] [8] Die Wasserkrise geschieht jetzt: Tim Rohde/UNICEF (2020): Weltwassertag: 10 Fakten über Wasser Wir das große Glück, dass unser Wasser in aller Regel nicht mit gefährlichen Keimen oder Arsen verseucht ist, wie es in vielen Teilen der Welt leider bis heute der Fall ist.

6. Freier Zugang zu Schulbildung

Stell dir mal vor, wie es wäre, wenn du weder lesen, schreiben noch rechnen könntest. Wie abhängig du wärst und wie schwierig es wäre, etwas an deiner Lebenssituation zu ändern. Schulbildung, in Deutschland etwas ganz selbstverständliches, ist für viele Menschen auf der ganzen Welt ein unbezahlbarer Luxus.

Auch wenn im Moment viele Klassenzimmer online stattfinden und das Lernen zu Hause manchmal etwas chaotisch ist, können wir trotzdem für unser kostenloses Schulsystem dankbar sein. 

Bildung kann einen sehr glücklich und gelassen machen. Günther Jauch

7. Zeit für dich

Wir alle kennen Stress und Überlastung. Häufig beschweren wir uns, dass wir „nie Zeit“ haben. Aber wenn wir einmal genauer hinschauen, dann entspricht das nicht ganz der Realität. Der durchschnittliche deutsche Arbeitnehmer hat 29 Urlaubstage. Mit Feiertagen und Wochenende kommen wir auf 42 freie Tage pro Jahr [9] [9] Die Deutschen haben ziemlich viel frei: FAZ (2018): Fast 42 freie Tage – je nach Bundesland sogar noch mehr. Vergleiche das einmal mit den USA, wo es gar keinen gesetzlichen Anspruch auf Urlaubstage gibt und sich ein Arbeitnehmer, der zehn Tage Urlaub machen kann, schon glücklich schätzen kann. [10] [10] Kaum bezahlte freie Tage in den USA: Zack Guzman/CNBC (2018): This chart shows how far behind America is in paid time off compared to the rest of the world

Wir vergessen schnell, dass Zeit relativ ist. Ich kann selbst entscheiden, ob ich mir abends eine TV-Serie anschaue oder etwas tue, das mich meinen persönlichen Zielen näherbringt. Ich kann meckern, weil ich beim Arzt so lange warten muss, oder ich kann in der Zeit ein interessantes Buch lesen. Auch die durch die Corona-Maßnahmen unfreiwillig dazu gewonnene Zeit können wir produktiv nutzen, indem wir gezielt Dinge machen, die uns gut tun.

8. Die Menschen in deinem Leben

Familienangehörige, die finanzielle Unterstützung bieten oder bei der Kinderbetreuung einspringen. Nette Nachbarn, die Leuten, die nicht vor die Tür dürfen die Einkäufe vorbeibringen. Lehrer*innen, die sich dafür einsetzen, dass ihre Schüler*innen auch in der Coronazeit weiterlernen können. Viele Leute zeigen sich in Krisenzeiten solidarisch und setzen sich für ihre Mitmenschen ein. Vielleicht gibt es auch in deinem Leben Menschen, denen du besonders dankbar bist. Wann hast du ihnen das letzte Mal gesagt, wie wichtig sie dir sind? Eine besonders schöne Dankbarkeitsübung ist es, sich in einem persönlichen Brief bei einem netten Menschen zu bedanken.

Viele Missverständnisse entstehen dadurch, dass Dank nicht ausgesprochen sondern nur empfunden wird. Ernst R. Hauschka

Wenn wir uns regelmäßig vor Augen halten, wofür wir dankbar sein können, sind wir tagsüber glücklicher und können nachts besser schlafen. Dankbarkeit verändert nachweislich dein Gehirn und hilft dir, auch in Krisenzeiten entspannter durch den Alltag zu gehen. Schon vor 2.000 Jahren sagte der römische Philosoph Seneca: „Wir leiden mehr in der Vorstellung als in der Realität”. Eine Studie zeigte, dass tatsächlich nur 15 % unserer Sorgen real werden und davon wiederum 80 % viel leichter gelöst werden können, als ursprünglich erwartet. Es ist als nicht nur optimistisch, sondern auch realistisch, das Glas halb voll zu sehen. Behalte das in dieser Woche im Hinterkopf und gehe so berechtigterweise optimistischer durch deinen Alltag.

Dieser Gastbeitrag stammt von der Autorin Maria Röckmann, die uns tatkräftig aus dem fernen Australien unterstützt. Dort lebt sie mit ihrem Mann und zwei Kindern.

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Quellen:

[1] Negativität bleibt stärker in Erinnerung: Blog, Phil Hanson Ph. D.: Take in the Good

[2] Dankbarkeit hat viele positive Wirkungen: Robert Emmons/Greater Good Magazine (2013): Five Myths about Gratitude

[3] Deutschland unter den OECD-Staaten nach Japan auf dem zweiten Platz: BDAE Auslandskrankenversicherung (2019): Das sind die besten Gesundheitssysteme der Welt

[4] 100 Tage nach dem Ausbruch von Corona in Deutschland: Deutsche Welle (2020): Wie Corona Deutschland verändert hat

[5] Länder, in denen 2019 Kriege oder bewaffnete Konflikte herrschten: Berghof Foundation (2019): Kriege weltweit

[6] Woher kommen die meisten Kriegsflüchtlinge: UNO-Flüchtlingshilfe (2020): Kriegsflüchtlinge weltweit

[7] Friedenszeiten in Europa: Wikipedia (2020): Pax Europea

[8] Die Wasserkrise geschieht jetzt: Tim Rohde/UNICEF (2020): Weltwassertag: 10 Fakten über Wasser

[9] Die Deutschen haben ziemlich viel frei: FAZ (2018): Fast 42 freie Tage

[10] Kaum bezahlte freie Tage in den USA: Zack Guzman/CNBC (2018): This chart shows how far behind America is in paid time off compared to the rest of the world

 

3 Kommentare

Ein wirklich toller und augenöffnender Beitrag! Theoretisch ist es mir klar, dass ich mit der Sicht auf das halbvolle Glas im Leben weiter komme und es besser lebe, aber manchmal rutscht es eben doch vom Schirm. Danke für den Wachrüttel-Effekt!

Sabine Scherer 24 Mai, 2020

Vielen Dank für diesen schönen Artikel.
Er bringt es auf den Punkt.
Wir „jammern“ in Deutschland schon auf sehr hohem Niveau. Dankbarkeit für „selbstverständliches“ rückt das wesentliche wieder mehr in den Fokus.

Manuel 24 Mai, 2020

Liebe Frau Röckmann, lieber Dominik,,
ja – sie (Ihr) haben Recht – wir dürfen sehr dankbar in Deutschland sein.
Und wem etwas nicht passt, der sollte sich daran machen, es zu verändern oder aber es hin zu nehmen.
Wir haben die Wahl.
Gruß
Stephan Lippert

Stephan Lippert 20 Mai, 2020

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