Was wir von Kindern über Achtsamkeit lernen können

Maria Röckmann | 09-07-2019 | 5 min Lesezeit

Eine alte Holzpalette, ein Besenstiel und ein Bettlaken: Was für uns Erwachsene nur ein Haufen Krimskrams ist, wird für ein Kind im Handumdrehen zu einem Piratenschiff, mit dem es sich herrlich übers Gras-Meer segeln lässt, vorbei an Tannenzapfen-Fischen und Baum-Klippen. Wenn Mama oder Papa dann zum Abendessen rufen, werden sie als Teil einer feindlichen Übernahme einfach gekapert – wenn ihre Forderung im freudigen Gekreische nicht sowieso direkt untergeht.

Jeder hat sicher schon mal Kinder in ihrem Spiel beobachtet. Sie vergessen dabei alles um sich herum. Für sie existiert nur der Augenblick. Während wir angeblich mit beiden Beinen fest im Leben stehen, verhalten sich die kleinen Zwerge oft viel natürlicher: Sie sind wirklich präsent, ganz im Hier und Jetzt. Aber auch wir können diese wunderbare Fähigkeit zurückgewinnen. Hier sind fünf einfache Tipps, die helfen, wieder wie Kinder im Moment zu baden.

1. Sich auf eine Sache konzentrieren

Morgens auf dem Klo sitzend dem Kind die Zähne putzen, während wir parallel die Mailbox abhören und im Kopf schon mal E-mails vorformulieren, scheint nur auf den ersten Blick ein guter Start in den Tag zu sein. Die Welt dreht sich nicht wirklich schneller, manchmal kommt es einem trotzdem so vor. Schuld daran sind aber keine interstellaren Strömungen, sondern unsere doch recht hektische Gesellschaft. Immer mehr Dinge wollen gleichzeitig erledigt werden, seien sie privater oder beruflicher Natur. Die Fähigkeit zum Multi-Tasking gilt bei vielen als besonders effizient.

Allerdings ist das ständige Hin und Her zwischen verschiedenen Aufgaben eine unterschätzte Quelle von Stress. [1] [1] Gestörte Aufmerksamkeit: www.spiegel.de: Multitasking ist ineffizient   Vor allem das Smartphone drängelt sich neben jede andere Tätigkeit – meistens hat man schließlich noch eine Hand dafür frei. Kleine Kinder sind dagegen voll bei der Sache. Hast du schon einmal ein Kleinkind beobachtet, das genüsslich eine Schüssel Spaghetti verzehrt? Wie es sich mit allen Sinnen ganz auf das Essen konzentriert und uns vielleicht ab und zu durch kurze Kommentare wissen lässt, dass es schmeckt?

Auch ohne hinterher Nudeln im Haar hängen zu haben, können wir diese Fokussierung im Alltag üben – gerade auch im Umgang mit den Medien: Gönnen wir uns mal eine Pause vom Smartphone, loggen wir uns aus unserem Social Media Profil aus und konzentrieren wir uns bei der Arbeit wie in der Freizeit immer nur auf eine Sache.

2. Das Schöne um uns herum wahrnehmen

Ein kurzer Spaziergang zum Supermarkt kann sich in Begleitung eines kleinen Kindes ganz schön in die Länge ziehen. „Guck mal, Papa, Hunde-Kacka“, „Oh,eine Pusteblume “, „Wow, ein LKW!“ Kinder begeistern sich für die alltäglichsten Dinge. Sie nehmen die Rosenhecke wahr („Das piekst ja"), an der wir sonst achtlos vorbeigegangen wären und bemerken das Eichhörnchen, das ein paar Meter vor uns einen Baumstamm hinauf flitzt.

Wir Erwachsenen laufen dagegen mit festen Plänen im Kopf herum, sind ständig auf Missionen, damit wir sie endlich abhaken können und nehmen unsere Umwelt oft gar nicht mehr richtig war. Gedanklich hängen wir noch in der Vergangenheit fest oder sind schon in der Zukunft: War mein Chef heute mies drauf oder hab ich was falsch gemacht? Gibt es zum Abendessen frischen Salat oder fettigen Schmelzkäseauflauf?

Versuchen wir stattdessen einmal, uns auf das zu konzentrieren, was im Moment passiert. Wenn wir das nächste Mal spazieren gehen, spüren wir den Wind und die warmen Sonnenstrahlen auf unserem Gesicht. Oder wir ertasten mal, wie rau die Parkbank ist und lauschen dem Rauschen der Bäume. Ein simpler Park wird so zum sprudelnden Brunnen für Sinneseindrücke.

Achtsamkeit ist eine Fähigkeit, die wir alle einmal besessen und im Laufe der Jahre verlernt haben. Besonders gut üben kann man dieses Präsent-Sein auch bei einfachen Alltagsaufgaben, zum Beispiel beim Händewaschen, Zähneputzen oder Geschirrspülen. Nutzen wir unsere fünf Sinne: Was kann ich in diesem Moment sehen, hören, fühlen, riechen und schmecken?

Wie gut kannst du dich ganz auf den Moment einlassen? Finde es heraus mit unserem wissenschaftlichen Achtsamkeitstest.

3. Authentisch sein

Würdest du in einer grünen Cordhose (falsch herum angezogen) mit einem blauen Spitzenkleid und Gummistiefeln zu einem Treffen mit Freunden gehen? Wenn man kleine Kinder lässt, ziehen sie an, worauf sie Lust haben. Zum oben genannten Outfit gesellen sich schnell noch die aberwitzigsten Frisuren. Vom Anblick amüsiert, aber in ihrem ästhetischen Empfinden gestört, versuchen Eltern dann oft Überzeugungsarbeit zu leisten: Würde der blaue Pullover nicht besser passen? Aber warum eigentlich? Ist es nicht schön, so frei vom Urteil anderer zu sein?

Kleine Kinder haben noch nicht gelernt, sich zu verstellen oder an die Erwartungen anderer anzupassen. Sie haben noch nicht erfahren, wie ein Junge oder ein Mädchen „zu sein hat“, wie „man“ sich anzieht oder was „vernünftig“ ist. Kinder sind ganz einfach sie selbst und tun das, was ihnen Spaß macht. Und davon können wir Erwachsenen uns eine gute Scheibe abschneiden. Wie oft fragen wir uns, wie das neue Outfit wohl bei unseren Kolleginnen ankommen wird oder was unsere Nachbarn denken würde, wenn wir endlich unseren unliebsamen Job kündigen?

Fragen wir uns doch stattdessen einfach mal, was wir selbst möchten und was uns guttut. Was würden wir tun, wenn es einmal nicht darum geht, die Erwartungen der Familie, der Chefin oder der Freunde zu erfüllen? Vielleicht riskieren wir mal eine gewagte Farbkombination oder kombinieren High-Heels mit Latzhose.

4. Neugierde leben

Woher kommen eigentlich Schneeflocken und warum schmelzen sie? Haben Fische Zähne und warum ist das Wasser nass? Zugegebenermaßen können solche Fragen für Eltern manchmal ein wenig anstrengend sein. Dabei ist Neugierde der Motor für jede Weiterentwicklung – zusätzlich aktiviert sie das Belohnungszentrum im Gehirn und erwies sich unter Studenten als genauso wichtig wie Intelligenz, um knifflige Aufgaben zu lösen und gute Noten zu erzielen. [2] Neurologie: www.zeit.de: Kann man Neugierde lernen?   Aus Bequemlichkeit nehmen wir die Dinge dennoch gerne einfach hin, weil sie „sind wie sie sind.“ Viele von uns glauben, sie hätten bereits ausgelernt und haben es sich in ihrer Komfortzone gemütlich gemacht.

Das ist schade, denn nur, wenn wir neugierig sind und Dinge ausprobieren, können wir wachsen und Seiten an uns entdecken, von denen wir vorher nicht einmal etwas geahnt hätten. Woher kann ich wissen, wie sich Fallschirmspringen anfühlt, bevor ich es probiert habe? Wie schmeckt die jamaikanische Küche? Und haben Fische Zähne?

5. Unsere Prioritäten kennenlernen

„Mama, spiel mit mir!“, „Papa, können wir nach draußen gehen?“ Kinder wissen genau, was sie wollen und was ihnen wichtig ist, ohne groß darüber nachzudenken: Zeit mit den Menschen verbringen, die ihnen nahe stehen, draußen toben und ganz viel Spaß haben. Wir Erwachsenen haben gerne eine Menge Gründe parat, warum das, was wir gerne tun möchten, gerade nicht geht: „Ich habe keine Zeit.“, „Ich muss erst noch....“, „Ich kann noch nicht...“

Aber ist das wirklich so? Können wir nicht oder wollen wir nicht? Schieben wir Gründe vor, weil wir uns nicht trauen? Oder ist es unser eigener Perfektionismus, der uns im Weg steht? Überlegen wir einmal, was uns wirklich wichtig im Leben ist, in dem wir uns die folgenden Fragen stellen: Wofür bin ich dankbar? Wann bin ich entspannt und glücklich? Was habe ich schon als Kind gern gemacht? Indem wir lernen, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden, können wir den Dingen, die uns gut tun, bewusst mehr Zeit widmen.

Dieser Gastbeitrag stammt von der Autorin Maria Röckmann, die uns tatkräftig aus dem fernen Australien unterstützt. Dort lebt sie mit ihrem Mann und zwei Kindern.

 

[1] Gestörte Aufmerksamkeit: www.spiegel.de: Multitasking ist ineffizient 

[2] Neurologie: www.zeit.de: Kann man Neugierde lernen?

 

1 Kommentare

Ein klasse Beitrag. Schön formuliert und der Inhalt münzt sich so auf mein Leben, dass er zum Nachdenken anregt.
Heute Abend werde ich mit meiner Tochter auf dem Trampolin springen. Das bringt uns Freude :-)

Christoph 11 Juli, 2019

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